Der beste Mann!

Der beste Mann!

Gesundheitspolitische Kommentare von Dr. med. Lothar Krimmel

Rainer Hess führt ab dem Jahreswechsel den Gemeinsamen Bundesausschuss als unparteiischer Vorsitzender an. Die Übernahme des neuen Amtes ist gleichbedeutend mit dem Abschied aus einer 35 Jahre währenden Tätigkeit für die deutsche Ärzteschaft. Denn mit dem Wechsel von Rainer Hess tritt die „Hess-Dynastie“, die das deutsche Gesundheitswesen in den vergangenen 50 Jahren nachhaltig geprägt hat, in eine neue Phase. Vater Arnold Hess, der erste Justiziar der gemeinsamen Rechtsabteilung von KBV und Bundesärztekammer, gilt als der geistige Vater des Kassenarztrechts von 1955, das den Kassenärzten und ihren Standesorganisationen eine dreißigjährige Blütezeit beschert hat.

Rainer Hess hat die Identifizierung mit den Interessen der Ärzteschaft dadurch quasi mit der Muttermilch aufgenommen. Dass er als junger Jurist zunächst nicht zur KBV wollte und später als KBV-Justitiar seinem Vater versprechen musste, niemals KBV-Hauptgeschäftsführer zu werden, hat ihn nicht daran gehindert, in den Jahren 1971 und 1988 jeweils genau dieses zu tun. Doch seine Loyalität zur Ärzteschaft ließ ihm in beiden Fällen auch keine Alternative, vor allem 1988 nicht, als Eckart Fiedlers Abgang zu den Ersatzkassen die Kassenärzte in Schrecken versetzte.

Vollendet wurde die „Hess-Dynastie“ durch die Ehe von Rainer mit Renate Hess, der langjährigen Stellvertretenden Hauptgeschäftsführerin der Bundesärztekammer. Diese harmonische und erfolgreiche Beziehung zwischen „KBV“ und „Bundesärztekammer“ symbolisiert in besonderer Weise ein durch die tagespolitischen Irritationen allmählich verloren gehendes Leitbild: Die Einheit der Ärzteschaft, die in weiten Teilen des vergangenen Jahrhunderts die eigentliche politische Stärke der Ärzte ausgemacht hat.

Auch für die gigantischen Aufgaben des neuen Bundesausschusses ist Hess der beste Mann. Niemand kennt das deutsche Gesundheitswesen länger und besser als der blitzgescheite Jurist. Sein Arbeitspensum ist legendär, zumal ihm die Natur die erstaunliche Gabe geschenkt hat, ähnlich einem Napoleon Bonaparte mit vier Stunden Schlaf auszukommen.

Aber Rainer Hess ist vor allem auch ein großer Kommunikator mit einer in heutiger Zeit fast anachronistisch anmutenden Herzlichkeit im persönlichen Umgang. Dies verschafft ihm ein Charisma, wie es in der deutschen Gesundheitsszene allenfalls noch von Horst Seehofer ausgeht. Doch anders als Seehofer, der als Politiker immer auch Schauspieler sein muss, verkörpert die Person Rainer Hess ein Höchstmaß an Authentizität. Seine als KBV-Mann vielleicht einzige Schwäche wird hierdurch im neuen Amt zu seiner größten Stärke: Hess vertritt nur solche Positionen, hinter denen er nach gründlicher Analyse auch hundertprozentig steht.

Rainer Hess wäre nicht Rainer Hess, wenn er nicht gerade auch aus seiner neuen Funktion heraus für eine behutsame Weiterentwicklung unseres Gesundheitssystems mit Erhalt der bewährten Elemente eintreten würde. Es bleibt zu hoffen, dass er dies – von der Bürde des Lobbyisten befreit – in seinem neuen Amt besonders wirkungsvoll tun kann.

Autor
Dr. med. Lothar Krimmel

Quellenangabe
KRIMMEL, Dr. med. Lothar: Der beste Mann!  – Ceterum Censeo: Gesundheitspolitische Kommentare von Dr. med. Lothar Krimmel. In: ARZT & WIRTSCHAFT (verlag moderne industrie GmbH, 86899 Landsberg), 12/2003

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