In der Zwickmühle

In der Zwickmühle

Gesundheitspolitische Kommentare von Dr. med. Lothar Krimmel

Wenn Karl Lauterbach, der Jerry Lewis der deutschen Gesundheitsszene, zum Sturm auf die private Krankenversicherung bläst, hört kaum noch jemand hin. Der Name Lauterbach gilt inzwischen bundesweit als Synonym für patientenferne Ideologie und chaotische Gesundheitspolitik. Die Lauterbach-Forderung nach Abschaffung der PKV ist daher derzeit nicht das Hauptproblem der privaten Krankenversicherung. Viel gravierender ist der ungebremste Beitragsanstieg, der die PKV zunehmend weniger attraktiv für potenzielle Kunden macht.

Die Hauptursache ist leicht auszumachen: In den letzten zehn Jahren sind die Aufwendungen der PKV aus GOÄ-Abrechnungen um mehr als 50 Prozent gestiegen. Inzwischen verwenden PKV und Beihilfe fast 40 Prozent ihrer Ausgaben für GOÄ-Rechnungen. Bedenkt man, dass in der GKV nur 16 Prozent der Ausgaben auf den EBM entfallen, so wird klar, welch gewaltiger Kostenhebel die GOÄ inzwischen ist. Und das Geld kommt offensichtlich auch bei den Niedergelassenen an, die im Schnitt bereits mehr als die Hälfte des Praxisgewinns aus der Privatbehandlung erwirtschaften.

Gleichzeitig wächst das Vergütungsgefälle zwischen GOÄ und EBM: Der Privatpatient zahlt heute im Schnitt fast dreimal mehr als der Kassenpatient, und zwar – wie die Gutmenschen in den Ärztekammern nicht müde werden zu betonen – für die gleiche Leistung. In den nächsten Monaten ist daher mit nachhaltigen Anstrengungen von PKV und Beihilfe zu rechnen, die GOÄ-Bewertungen abzusenken und die Vergütungsdifferenz zum EBM zu reduzieren.

Das Kalkül der Kostenträger ist einfach: Bei einer Absenkung des GOÄ-Niveaus um 40 Prozent würde ungefähr der für die Zahnärzteschaft bereits heute geltende Vergütungsabstand zwischen kassen- und privatärztlicher Vergütung erreicht. Und dieser Aufschlag von nur noch rund 70 Prozent genügt offensichtlich, um die Privatbehandlung auch für den Arzt weiter attraktiv zu halten.

Jetzt rächt sich die einfältige „Strategie“ der Kammerfunktionäre, die jegliche Besserbehandlung der Privatpatienten verleugnen, aber die fast dreimal höhere Vergütung jahrelang wie selbstverständlich eingestrichen haben. Anstatt sich zu einem unterschiedlichen Service- und Versorgungsniveau zu bekennen, hat man sich die einzige innere Rechtfertigung dafür selbst aus der Hand geschlagen.

Die Ärzteschaft steckt nunmehr in der Zwickmühle: Opponiert sie erfolgreich gegen jegliche Absenkung des GOÄ-Niveaus, ist die Gefahr groß, dass sie sich den eigenen Ast absägt. Allerdings ist ein Erfolg der Ärzteschaft eher unwahrscheinlich. Zum einen ist das Vergütungsgefälle zum EBM einfach zu offensichtlich, zum anderen kann sich die PKV der Rückendeckung durch die Bundesländer sicher sein, die unter den dramatisch gestiegenen Beihilfezahlungen ächzen.

Egal wie der strategische Konflikt um eine Absenkung der GOÄ-Bewertungen ausgehen wird – eines ist klar: Die fetten Zuwächse in der Privatabrechnung gehören definitiv der Vergangenheit an.

Autor
Dr. med. Lothar Krimmel

Quellenangabe
KRIMMEL, Dr. med. Lothar: In der Zwickmühle  – Ceterum Censeo: Gesundheitspolitische Kommentare von Dr. med. Lothar Krimmel. In: ARZT & WIRTSCHAFT (verlag moderne industrie GmbH, 86899 Landsberg), 05/2003

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