„Ein Stück Freiberuflichkeit“ für Ärzte

Dr. med. Lothar Krimmel

Dr. med. Lothar Krimmel

Dr. Krimmel, der Begriff IGeL ist zu einer festen Wendung im Gesundheitswesen geworden. Was war für Sie Anlass, ein Konzept für Selbstzahler-Leistungen zu entwickeln?
Ich hatte seit Mitte der 80er Jahre die Blockadehaltung der Krankenkassen hinsichtlich der Aufnahme und Vergütung neuer kassenärztlicher Leistungen hautnah miterlebt und empfand es als vordringliche strategische Aufgabe der KBV, dieses Spiel zu beenden. Da ein solcher Vorstoß wütende Proteste der Krankenkassen provozieren musste, habe ich mit dem Kunstbegriff „Individuelle Gesundheitsleistungen“ ganz bewusst die drei positiv besetzten Begriffe Individualität, Gesundheit und Leistung kombiniert. Die Abkürzung IGeL stand dann zusätzlich für einen allgemein beliebten und niedlichen Schädlingsvertilger.

Wie waren die Reaktionen Ihrer Umgebung darauf, zum Beispiel der KBV? Wie haben Ärzte darauf reagiert?
Es gab Widerstände von allen Seiten, übrigens gerade auch in der KBV selbst. Das ging bis hin zu dem grotesken Vorwurf, mit dem IGeLKonzept sei ein Ventil für die Unterfinanzierung der ambulanten Versorgung geschaffen worden, wodurch die Ärzte vom politischen Einsatz für eine leistungsgerechte Vergütung abgelenkt würden. Solche in gefährlicher Weise weltfremden Positionen gehen bis heute davon aus, man müsse nur genügend gute Argumente haben und schon würden den Ärzten auch im Kollektivvertrag wieder gebratene Tauben in den Mund fliegen.

Wie hat sich der IGeL-Bereich danach entwickelt?
In den ersten drei Jahren von 1998 bis 2000 war es ausgesprochen mühsam, den Ärzten zu vermitteln, dass sie mit dem IGeL-Konzept ein Instrument erhalten haben, mit dem sie sich in der Wüste der kollektiven Unterfinanzierung wieder ein Stück wirtschaftlich lohnender Freiberuflichkeit zurück erobern können.

Wie kam der Wandel?
Erst als die ärztlichen Medien dieses Konzept fast unisono aufgriffen, wurde IGeL zu einer selbst tragenden Bewegung.

Welche Bereiche gehören für Sie zum IGeL-Kern?
In politischer Hinsicht sind es eindeutig die unabweisbaren Präventionsangebote, die das Aushängeschild des IGeL-Segments sind. In wirtschaftlicher Hinsicht dominiert dagegen der Bereich der Lifestyle- und Wellnessmedizin.

Gibt es IGeL, die Sie ablehnen oder vor denen Sie Praxen abraten oder sogar warnen?
Im IGeL-Segment trifft das grundgesetzlich geschützte Recht des Patienten auf gesundheitliche Selbstbestimmung auf das ebenfalls grundgesetzlich geschützte Recht des Arztes auf freie Berufsausübung. Für dieses letzte Rückzugsgebiet freiheitlichen Handelns im ansonsten dirigistisch verirrten Gesundheitswesen sollten ganz bewusst beiden Parteien, also Arzt und Patient, größtmögliche Freiheitsräume zugestanden werden. Deshalb wehre ich mich vor allem dagegen, dass Vertreter eines patriarchalischen Heilverständnisses denjenigen Ärzten unärztliches Handeln unterstellen, welche die Nachfrage der Patienten nach medizinisch nicht notwendigen Leistungen bedienen.

Zum Beispiel?
Kein Arzt wird von sich aus einem Glatzenträger oder einem Tätowierten eine medikamentöse oder chirurgische Behandlung aufdrängen. Aber wenn ein solcher Patient eine medizinische Behandlung als IGeL-Leistung wünscht, dann wäre es geradezu unärztlich, dies abzulehnen.

Was sind die wichtigsten Faktoren für eine Praxis, um mit IGeL Erfolg zu haben?
Die beiden entscheidenden Erfolgsfaktoren sind zum einen die systematische Eruierung der Wünsche der eigenen Patienten sowie zum anderen die professionelle Ansprache der auf diese Weise identifizierten Zielgruppe. Für beide Bereiche gibt es zwischenzeitlich umfangreiche Beratungs- und Schulungsangebote.

Nicht wenige Ärzte lehnen IGeL ab. Wie argumentieren sie gegenüber Kritikern aus den eigenen Reihen?
IGeL-Kritiker sollten vor allem zur Kenntnis nehmen, dass mit der entsprechenden ärztlichen Leistung meist auch ein positives Lebensgefühl vermittelt wird. Dieser Aspekt kommt bei der Reduzierung von Medizin auf die Kriterien der Evidence-Based-Medicine regelmäßig zu kurz.

Bei welchen Leistungen zum Beispiel?
Nehmen Sie das Beispiel des Vorsorge- Checks: Jemand fühlt sich gesund, doch er hat ein ungutes Gefühl. Also geht er zu seinem Arzt zum umfassenden Gesundheits-Check. Es wäre absurd, diesem Menschen den Gesundheits-Check mit Verweis auf die fehlende rationale Grundlage seiner Krankheitsangst ausreden zu wollen. Denn die Untersuchung wird voraussichtlich bestätigen, dass keine ernstliche Erkrankung vorliegt. Und von dem positiven Lebensgefühl, das dieses Ergebnis auslöst, profitieren viele IGeL-Kunden ein ganzes Jahr lang.

Welche IGeL-Bereiche halten Sie für besonders zukunftsträchtig? Prävention? Sportmedizin? Medical Wellness? Kosmetik?
Ich glaube, dass die IGeL-Bereiche Vorsorge, Innovationen, Top-Service-Leistungen, Alternativmedizin und Lifestyle-Medizin ein hervorragendes Wachstumspotenzial haben. Natürlich gibt es in den einzelnen Praxen unterschiedliche Schwerpunkte. Während etwa im Vorsorgebereich fast alle Ärzte mitmachen können, spricht der Lifestyle- und Wellness-Bereich eine sehr begrenzte Zahl von Ärzten an, die dann aber dort ansehnliche Umsätze erwirtschaften können.

A&W-HINTERGRUND Krimmels Vita, Krimmels Wirken

  • Dr. med. Lothar Krimmel, 1957 in Würzburg geboren, war nach seiner Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin von 1986 bis 1999 Geschäftsführer der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). In dieser Zeit entwickelte er die Konzepte der Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) und eines Zweiten Gesundheitsmarkts.
  • Im Jahr 1999 gründete Krimmel die MedWell Gesundheits-AG in Köln, der er bis 2003 vorstand.
  • Seit 2004 ist Krimmel Geschäftsführer der „Bioscientia Institut für Medizinische Diagnostik GmbH“ in Ingelheim

Interviewpartner:
Dr. med. Lothar Krimmel

Quellenangabe:
KRIMMEL, Dr. med. Lothar: „Ein Stück Freiberuflichkeit“ für Ärzte – Interview. In: ARZT & WIRTSCHAFT (verlag moderne industrie GmbH, 86899 Landsberg), August 2007